Amazonasregenwald im Nordwesten Brasiliens. Wir schreiben den 16. November 2006, es ist der 10. Tag unserer Expedition.

Wir haben unser Lager in einem verlandeten Trockenarm des kleinen Schwarzwasserbaches aufgeschlagen, dem wir seit einigen Tagen mit unseren Kajaks flussauf folgen.

Ein guter Lagerplatz. Schöner Sand und mit über zwei Metern über dem Wasserspiegel auch beruhigend hoch. Nach dem Aufbau unseres Kuppelzeltes läuft die allabendliche Routine ab.

Inzwischen ziehen sich dunkle Wolken zusammen. Es wird wohl noch ein Gewitter geben. Wir befinden uns schon nahe der Berge, an denen sich regelmäßig kräftige Gewitter bilden.

Dass etwas Ungewöhnliches vorgeht, merken wir als erstes am Verhalten der Tiere. Genauer der Aras. Die farbenprächtigen großen Papageien leben hier in großer Zahl. Heute Abend sind sie sehr unruhig, fliegen immer wieder kreischend durch ihr Revier. Dann sammeln sie sich in Gruppen, um mit dem Zucken der ersten Blitze das Gebiet zu verlassen.

Als die ersten Tropfen fallen, sitzen unter unserem Tarp, und freuen uns, dass wir unsere Nudel noch vor dem Gewitter genießen können. Bald merken wir, dass dies kein gewöhnliches Gewitter ist, wie wir es auf unseren Touren im Regenwald schon unzählige Male erlebt haben. Die Heftigkeit, mit der sich die Blitze entladen, und die ungeheure Lautstärke des Donners ist beunruhigend. Plötzlich zuckt weniger als 50 Meter von uns ein mächtiger Blitz über dem Wasserlauf nieder. Er erreicht nicht die Wasseroberfläche, sondern entlädt seine Energie in etwa 20 Meter Höhe in einem Feuerball. Die mächtige Detonation jagt uns einen mächtigen Schreck in die Glieder. Verstört ziehen wir uns in unser Zelt zurück. Der nun heftig niederprasselnde Regen lässt uns gnädig in einen traumlosen Schlaf sinken. Stunden später erwache ich. Ich registriere, dass der Regen aufgehört hat. Es ist kurz vor Mitternacht. Ein merkwürdiges Gefühl bewegt mich dazu, das Zelt noch einmal zu verlassen, um draußen nach dem Rechten zu sehen. Als ich an die sandige Abbruchkante trete, unterhalb derer der Wasserlauf fließt, stockt mir der Atem, das Wasser, das vorhin noch zwei Meter tiefer lag, ist eben dabei die Kante zu überschreiten. In Kürze wird unser Zelt überflutet. Uns bleiben nur wenige Minuten! Ich alarmiere Josi und fange dann an, mit der Machete den einzigen etwas höher gelegenen Platz, an den wir ausweichen können frei zu schlagen. Unser Zelt steht mittlerweile im Wasser. Zum Glück benutzen wir ein freistehendes Kuppelzelt, das wir jetzt schnell auf den neuen Platz verlegen.

Das Wasser steigt weiter! Erst zwei bange Stunden später ist klar, die Flut hat ihren Scheitelpunkt erreicht, keine 10 cm unterhalb unseres Notlagerplatzes. Wir habe noch einmal Glück gehabt.

Dies ist mittlerweile unsere 5. Expedition in diese Region. Unser Ziel ist es, den entlegenen Tepui Serra de Arara zu erreichen und möglichst zu besteigen. Im vergangenen Jahr sind wir zumindest so weit vorgestoßen, dass wir nun wissen, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Den kleinen Schwarzwasserbach, dem wir nun schon zwei Tage folgen, haben wir "Grüner Kanal" getauft, teilweise kommt es einem fast vor, als bewegte man sich durch einen grünen Tunnel.

Das Vorankommen ist äußerst mühsam, da immer wieder umgestürzte Bäume quer über dem Bach liegen. Das Überwinden dieser Hindernisse ist sehr mühsam und zeitaufwändig. Um ein paar hundert Meter voranzukommen, sind oft Stunden nötig.

Nach dem Hochwasser sitzen wir 24 Stunden in unserm Lager fest. Erst als einen Tag später das tosende Wasser wieder in sein Bett zurückgekehrt ist, können wir unseren Weg fortsetzen.

Einige Stunden später können wir den mächtigen Tafelberg erstmals über den Baumwipfeln ausmachen.

Der Bachlauf wird jetzt zunehmend steinig. Immer wieder müssen wir unsere Kajaks über Stromschnellen hinaufziehen.

Einen weiteren Tag später ist dann endgültig Schluss, wir schlagen ein Basislager am Ufer auf. Von hier aus geht es nur noch zu Fuß durch den Urwald weiter. Mit der Machete schlagen wir uns in den kommenden Tagen einen Pfad durch das dichte Unterholz.  Da unser GPS unter dem dichten Blätterdach keinen Empfang hat, gehen wir strikt nach Kompasskurs. Mehrere Tage sind wir mit dem Anlegen des Pfades beschäftigt. Abends kehren wir in unser Lager am Fluss zurück.

Ging es zunächst extrem mühsam durch das verfilzte Dickicht des Überschwemmungsgebietes, steigt das Terrain danach steil an, was das Vorankommen trotz des jetzt lichteren Waldbodens nicht einfacher macht. Nach einigen weiteren Tagen mühsamen Vorankämpfens folgt die große Enttäuschung: Wir können am steilen Bergfuß die dichte Vegetation zwar endlich nach oben durchstoßen, stehen dann aber vor einer hunderte Meter hohen senkrechten kahlen Felswand. Wir müssen den Rückzug antreten. Wieder einmal. Entmutigen lassen wir uns aber nicht!

Ein Jahr später sind wir wieder zurück am Berg. Den grünen Kanal haben wir ohne Zwischenfälle passieren können. Eine besondere Begegnung haben wir dort dennoch. Ein Tapir nimmt ein ausgedehntes Bad. Wir können uns bis auf wenige Meter nähern. Das Tier kennt keine Menschen, und hat daher keine Scheu.

Nach den Erfahrungen des vergangenen Fehlschlags planen wir dieses Mal eine andere Routenführung. Hilfreich ist auch, das wir endlich ein GPS-Gerät dabei haben, das auch unter dem dichtesten Blätterdach zuverlässigen Empfang gewährleistet. Diesmal erreichen wir den Wandfuß an einer Stelle, die einen Aufstieg möglich erscheinen lässt.

Wir errichten dort ein Zwischenlager, in das wir Ausrüstung und Lebensmittel von unserem Basislager am Fuß hinauftransportieren. Tatsächlich gelingt endlich der finale Aufstieg auf den Tepui.

Die Ausblicke, die wir jetzt auf das Dach des Regenwaldes genießen können, machen uns sprachlos. Welch eine Belohnung für all die Mühsal!

Das Klima und die Vegetation ist auf dem Tafelberg eine ganz andere als unten im drückend heißen Wald. Auch belästigen einen nicht ständig irgend welche beißenden und stechenden Insekten. Welch ein wunderbarer Ort.

Unsere Vorräte erlauben es uns, eine Woche auf dem Tafelberg zu bleiben. Zwei Tage später machen wir eine weitere atemberaubende Entdeckung: In den Tafelberg hat sich eine mehr als 400 Meter Tiefe Schlucht gegraben, in der der Bach, auf dem wir zum Berg gepaddelt sind, seinen wilden Oberlauf hat. Am Rand der Schlucht bieten sich Ausblicke wie aus einem Kleinflugzeug. Immer wieder wabern innerhalb von wenigen Minuten dichte Wolken empor. Von der gegenüberliegenden Seite fällt ein Wasserfall in die Tiefe.

Wir erkunden den Rand der Schlucht weiter. Nun macht Josi eine aufregende Entdeckung: Am Ende der Schlucht fällt das Wasser des Baches in einem enormen Wasserfall vom Tafelberg hinab. Der Wasserfall ist etwa zwei Kilometer von unserem Standort entfernt, aber das Terrain dazwischen ist zerklüftet und macht einen Zugang unmöglich. Leider sind auch unsere Vorräte aufgebraucht - wir müssen den Rückmarsch antreten. Mit dem Blick auf den großen Wasserfall ist jedoch klar, unsere Mission auf diesem Tepui ist noch nicht beendet.

                       zum zweiten Teil der „Expedition Araca“zweiter_Teil.html